FIKTION der WIRKLICHKEIT

FIKTION
der
WIRKLICHKEIT

 

von SIR D. Smith

In letzter Minute fuhr sie auf den zugewiesenen Parkplatz und quetschte ihren Wagen auf den ersten freien Platz.

Kaum hatte sie den Motor abgestellt, piepte ihr Handy.

SIR
Wie üblich in letzter Minute, Sklavenmädchen.
Nun beeil dich, ich warte.

Sie musste grinsen. Also doch – er hatte das selbe Zimmer wie bei ihrem ersten Treffen gebucht, von der riesigen Glasfront der Suite konnte er den Parkplatz sehen. Das war es also, nun war sie sich sicher, was er heute mit ihr vorhatte. 

Ein wenig ärgerte sie sich über ihn, war doch die Suite zwar groß aber nicht so sonderlich schön gewesen, dafür aber um so teurer und ein Doppelzimmer hätte es ja durchaus auch getan. Aber so war er eben manchmal, sie sollte sich darüber eigentlich keine Gedanken machen.

Wie falsch sie lag, wusste sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Eilig stieg sie aus dem Wagen, steckte ihr Handy in die Handtasche und schloss ab.
Der kalte Wind blies ihr ums Gesicht, als sie die Stufen zur Strasse hochstieg. Sie sah ihn schon von der vorletzten Stufe aus. Er stand bei dem Fussgängerüberweg, mittig auf dem Bürgersteig, in seiner schwarzen Jeans, einem schwarzen Hemd und seiner grauen Lederjacke. In der linken Hand hielt er ein in kitschigem rosa Geschenkpapier eingepacktes Päckchen mit einer farblich total unpassenden roten, überdimensionierten Schleife.  Er lächelte ihr entgegen.

»Hey.«

»Na Sklavin, wie immer in letzter Minute aber immerhin am richtigen Ort – wobei ich wetten würde, dass Du eigentlich ins Hotel gehen wolltest, stimmt`s?«

»Ich komme doch immer auf die Minute. Und ja, wahrscheinlich wäre ich ins Hotel.«

Er lachte.
»Na, da wirst Du ja heute noch die eine oder andere Überraschung erleben. Fiktion ist Wirklichkeit, Wirklichkeit ist Fiktion. 

Und jetzt? Was meinst Du, wo wir jetzt hin gehen?«

Darüber hatte sie sich wirklich noch keine Gedanken gemacht, spontan würde sie sagen ins Hotel oder… Langsam dämmerte ihr es.

»Essen?«

»Genau, gut erkannt, kleines Sklavenmädchen!«

Er nahm sie bei der Hand und sie schmiegte sich an ihn. Ihr Weg führte sie die Strasse hinunter, weg vom Hotel, zu dem Restaurant ihres ersten Dates.
Das war jetzt irgendwie zu einfach dachte sie bei sich, das sieht ihm noch nicht so ganz ähnlich.

*

Wie sie feststellen durfte, hatte er ihnen einen Tisch reserviert, im Obergeschoss, wie beim ersten mal.

Nachdem er die Getränke und Vorspeisen bestellt hatten – einen doppelten Wodka hatte er ihr nicht erlaubt, aber ein Glas Rotwein – legte er das Päckchen vor ihr auf den Tisch.
Die umsitzenden Gäste bemühten sich, unauffällig zu gaffen, fielen damit um so mehr auf und gaben ihr das Gefühl, von allen im Raum beobachtet zu werden, wie sie sorgsam versuchte, das Geschenkpapier möglichst grazil zu entfernen.

Unter dem hässlichen Papier befand sich ein schlichter Karton, dann Verpackungsmaterial, von dem ihr ein Teil auf den Boden fiel.

Sein Grinsen wurde immer breiter, je näher sie ihrem Geschenk kam. Nein, das trug nicht wirklich dazu bei, sie zu beruhigen. 

Ganz unten unter all dem Verpackungszeug ertastete sie es, bevor sie es sah, zog es vorsichtig heraus und stellte es vor sich auf den Tisch. Ob sie laut loslachen sollte oder sich eher schämen wusste sie noch nicht.

Vor ihr stand ein nagelneuer Hundenapf aus Keramik und Edelstahl. Säuberlich bedruckt war in grossen Buchstaben »SKLAVIN« auf dem Napf zu lesen.

Die Gäste an den umliegenden Tischen gafften nun unverhohlen, er lachte laut und die Kellnerin brachte die Vorspeise.

»Danke, ich nehme ihnen das ab« sagte er freundlich zur Bedienung und nahm beide Teller.

Die Kellnerin warf noch einen verdutzten Blick auf den Hundenapf auf dem Tisch, erinnerte sich dann aber an das volle Lokal und die Bestellungen, die darauf warteten, von ihr ausgetragen zu werden und entschwand, ohne ein Wort zu verlieren.

»Nun Süsse, Du hast ja bei unserem ersten Besuch hier förmlich darum gebettelt, aus einem Napf fressen zu dürfen, bitte, nun hast Du einen eigenen Napf ganz für dich alleine und hier…« er leerte ihren Teller in den Napf »hast Du dann auch schon mal deine Vorspeise. Guten Hunger.«

In aller Seelenruhe legte er sich seine Serviette auf den Schoss und begann, fröhlich grinsend, seine Vorspeise zu verzehren.